Die Verborgenen (Schattenblüte, #1)

Thursen und Luisa – der Werwolf und das Mädchen. So oder so ähnlich hallte es wohl mit leiser Stimme durch meinen Kopf als einer meiner ersten Gedanken, als ich begann „Die Verborgenen“ zu lesen. Diese unverschämt platt klingende Phrase entpuppte sich allerdings binnen kürzester Zeit zu einer fatalen Fehleinschätzung in Hinblick auf diesen wunderbare Einstand in die Welt der verlegten Romane für Frau Melling.

Zu verdanken hatte ich „Die Verborgenen“ als Teil meines bis dato SUB (Stapel Ungelesener Bücher) meinr Freundin welche mich auf das Buch aufmerksam machte und meinte ich solle es einfach doch mal lesen – dafür danke ich Ihr wirklich von ganzem Herzen, denn es war ein Freudenfeuerwerk diesen Roman genießen zu dürfen. „Die Verborgenen“ ist ein spannender Repräsentant des Mysterie-Roman Genres und verspricht sich positiv an vielen Stellen des Handlungsstranges dar zu bieten. Die gebürtige Hamburger Autorin Nora Melling erzählt uns in diesem Roman eine verzwickte Beziehungsgeschichte zwischen zwei Personen wie sie anders nicht sein können: Luisa und Thursen.

Bei Luisa handelt es sich um ein junges Mädchen, welches totunglück und am Rande des Verzweifelns nach dem Tod ihres jüngeren Bruders durch Ihre Eltern genötigt wird von Hamburg nach Berlin um zu ziehen. Ihre Eltern wollen die Tragödie in der Familie einfach hinter sich lassen und mit ihrem Leben weiter machen. In Luisas Augen verhalten sich ihre Eltern so, dass nichts mehr an den toten Fabian erinnern soll. Keine Fotos, keine Gegenstände. Während Luisa nun entwurzelt in Berlin in einer neuen Wohnung und einer neuen Klasse versauern muss, beginnt sie immer mehr zu verzweifeln, kann keinen Kanal finden um ihre Trauer zu verarbeiten oder gar überhaupt um ihren Bruder trauern zu können. Alle verlangen von ihr das sie „einfach funktioniert“. Infolge dessen beginnt sie immer öfter Nachmittags durch den Grunewald zu streifen und ihren destruktiven und düsteren Gedanken nach zu sinnen.

Ihre Gedanken sind so zertörerisch, dass sie es an ihrem Geburtstag einfach nicht mehr aushällt und beschließt im Grunewald durch einen Sturz von einem Turm den Freitod als Erlösung ihrer seelischen Qualen zu wählen. Sicherlich hätte dies funktioniert, wäre da nicht dieser mysteriöse Junge namens Thursen gewesen, der sie im letzten Augenblick am Ärmel festgehalten hätte und ihr das Versprechen sich nicht um zu bringen abgerungen hätte. Luisa kann einfach nicht verstehen warum sie der in einen langen schwarzen Mantel gehüllte Junge mit der weichen Stimme aufgehallten hat und dann gleichzeitig fast augenblicklich wieder verschwunden ist. Sie möchte erfahren wer er ist. Sie forscht und schafft es letztendlich auch ihn und seine Freunde kennen zu lernen – aber irgendetwas kann an diesen Jugendlichen nicht stimmen. Warum leben sie als Gruppe im Wald und warum haben sie Wölfe bei sich. Diese wilden Tiere die in Deutschland als ausgestorben gelten?

Nach und nach durschaut Luisa die einzelnen Geheimnisse der Gruppe und muss letztendlich erkennen, dass es sich bei den Jugendlichen um Werwölfe handelt. Sie muss allerdings auch erkennen, dass ihre Beziehung zu Thursen nur von kurzer Dauer sein kann, denn mit jeder Verwandlung vom Mensch zum Wolf verliert er ein wenig mehr die Erinnerung an das Menschsein – irgendwann wird er es ganz vergessen und sich nicht mehr zurückverwandeln können. Wird sie dies hinnehmen können? Luisa zweifelt daran und ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit beginnt: kann sie ihn vor dem endgültigem Vergessen bewahren und eine glückliche Beziehung mit ihm führen können?

Nora Melling hat es auf eine äußerst kreative Art und Weise zustande gebracht uns mit dem vorliegenden Auftakt zum Schattenblüte-Zyklus eine Alternative zu der doch bisweilen stark ausgelutschten Werwolf-Thematik zu präsentieren. Gott allein weiß, wieviele abgedroschene Werwolf Kamellen ich schon gelesen habe. Hier bringt Frau Melling eine spritzig frische neue Idee ins Spiel. Bei ihr können Menschen die Fähigkeit erwerben sich in einen Werwolf zu verwandeln und inm wahrsten Sinne des Wortes aus ihrer Haut schlüpfen: ihre Sorgen, Nöte und Traumata einfach bei Ihrer menschlichen Form lassen. Als Wolf frei durch die Wälder streifen und sich dem Tier in ihrem inneren überantworten. – Mit jeder Verwandlung stirbt ein wenig die Erinnerung an das menschliche Leben; erst der alte Name als Mensch, dann die seelischen Wunden. Die Wolfsnatur kann sich hier als Heilsbringer zeigen, eine Kanalisation um die Schmerzen zu verarbeiten. Tiefe Wunden die reichten, damit deren Träger ein suizidiales Ende aus ihrem Leben bevorzugen würden bevor sie auch nur noch einen Tag länger als Mensch auf dieser Welt leben zu müssen.Was mir besonders positiv aufgefallen ist, neben der wirklich intelligenten und sehr schlüssigen Geschichte, die unglaubliche Detailverliebtheit wenn Nora Melling Orte in Berlin beschreibt: ich als gebürtiger Berliner konnte einfach so viele so detaillierte und manchmal auch nur kleine Beschreibungen finden, die bis auf die kleinsten Feinheiten haargenau passen: bisweilen saß ich sprachlos vor dem Roman ob dieser Situation! Aber nicht nur bei diesen Umweltdetails darf der Leser die Massen an Herzblut und Liebe für dieses Buch finden. Man merkt einfach mit wieviel Inbrunst die Autorin an diesem Debuteroman gearbeitet hat. Jeder Absatz, jeder Satz zeugt davon.

September 23, 2013 at 10:51PM veröffentlicht auf goodreads.com

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Veröffentlicht in Buchrezension, Literatur

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